Als ich unter 18 war, habe ich Dinge wie das Bedürfnis, Östrogen zu nehmen oder Nagellack zu tragen, immer mit Weiblichkeit verbunden. Ich dachte, ich müsste eine „Frau“ sein, um Nagellack tragen zu dürfen.
Mit 18 habe ich dann angefangen, Östrogen in Eigenregie (DIY) zu nehmen. Ein Jahr lang, aber ich wurde keine Frau, sondern rutschte in eine Depression. Ich hatte Bartwuchs, meine Knochenstruktur war männlich. Ich hasste mich selbst. Am Ende habe ich radikal die Hormone abgesetzt und beschlossen, zu studieren.
Mit 20 bin ich ins Informatikstudium eingestiegen und studiere bis heute. In dieser Zeit habe ich gelernt, mich mit mir selbst zu versöhnen. Ich bekam ohnehin viele Komplimente für mein Aussehen und habe mein Gesicht als männlich akzeptiert.
4–5 Jahre persönliche Weiterentwicklung, eine kleine Auszeit. Heute bin ich 24 Jahre alt.
Diesen Monat habe ich einen, wie ich finde, ziemlich klugen Schritt gemacht. Wenn ich wieder Östrogen nehmen will, macht mich das ja nicht zur Frau. Ich habe eine Lösung gefunden, die gerade für konservativere Kreise abschreckend wirkt: Ich erweitere das Konzept von Männlichkeit.
Ich habe wieder mit Östrogen angefangen, weil ich mich liebe. Das behalte ich für mich, es ist meine Privatsache. Ich trage als Mann Nagellack und habe gelernt, äußere Reaktionen sofort als „Eingriff in meinen Selbstbestimmungsbereich“ einzuordnen. Statt in ein weibliches Raster zu passen, erweitere ich lieber das männliche.
Ich stecke immer noch mitten in diesem Prozess. Ja, ich nehme Östrogen und ich bin ein Mann. Ich wurde männlich geboren. Konservative können mich mit dem Nagellack inzwischen nicht mehr löchern, weil ich einfach nur Farben mag.
Ich trage Frauenkleidung, kaufe aus der Damenabteilung, weil mir der Schnitt gefällt, weil mir diese „Süße“ an der Kleidung gefällt.
Der eigentliche Knackpunkt ist für mich, wie eng das männliche Raster ist: Du musst dich anziehen wie alle anderen, darfst keinen Nagellack tragen, kein Make-up, kein Östrogen, aber ich habe all diese Muster durchbrochen.
Nicht nur in Deutschland, selbst in der Türkei habe ich konservative Leute davon überzeugt, dass so etwas in Deutschland akzeptiert wird und ich mein normales Leben in Europa so leben kann, wie ich will. Nicht nur Deutschland, auch Österreich, Türkei. Konservative Menschen können mir nichts mehr anhaben.
Denn das eigentlich Kaputte ist das gesellschaftlich konstruierte Bild von Männlichkeit. Ich erweitere dieses Bild, für uns alle. Und darauf bin ich stolz.
Wie geht ihr mit engen Geschlechterrollen um?