Hallo zusammen,
ich hab in den letzten zwei Jahren ziemlich viel Eschbach nachgeholt, inzwischen eigentlich alles außer den Jugendromanen, Perry Rhodan und den Drei Fragezeichen. Die Haarteppichknüpfer und Eines Menschen Flügel hatte ich schon länger durch, Quest aber ausgerechnet erst jetzt. Und erst dabei hab ich überhaupt kapiert, dass die drei im selben Universum spielen.
Seit ich mit Quest fertig bin, häng ich an der Geschichte von Smeeth und den Zwölf fest. Zuerst wars nur die Frage, was sein Vater eigentlich getan haben könnte. Dann kamen die sechs Frauen und die Zwillinge dazu, irgendwann Mythologie, Kosmologie und ein Haufen Stellen aus dem Buch. Ich hab das ganze auch längere Zeit mit einer KI hin und her diskutiert, hauptsächlich um die Gedanken auseinanderzuhalten und zu schauen, wo die Theorie sich selbst widerspricht. Mittlerweile ist daraus etwas entstanden, das ich zumindest nicht mehr völlig bescheuert finde.
Die Legende erzählt von einem Mann, der eine furchtbare Tat begeht und sich dadurch das Geheimnis der Unsterblichkeit verschafft. Er hat sechs Frauen, jede bekommt Zwillinge, und zwar jedes Mal einen Jungen und ein Mädchen. Zwölf Kinder insgesamt, sechs Männer und sechs Frauen. Die Kinder wachsen heran und werden erwachsen, altern danach aber nicht mehr.
Smeeth bestätigt später, dass der wesentliche Teil davon stimmt. Sein Vater habe etwas „für uns“ getan, das die Existenz unwiderruflich und für alle Zeiten aus dem Gleichgewicht gebracht habe. Nicht einmal der Tod Smeeths und aller seiner Geschwister könnte es wieder ungeschehen machen. Und es darf nie wieder getan werden, weshalb alle, die wissen wie es funktioniert, darüber schweigen.
Dabei ist Smeeth gar nicht unsterblich in dem Sinn, dass er nicht sterben könnte. Seine Lebenslinie kann durch Gewalt beendet werden. Über seine Zwillingsschwester Laasve, zu der er seit Jahrtausenden keinen Kontakt mehr hat, sagt er sogar, er wisse nicht einmal, ob sie noch lebt.
Was bei ihm fehlt, ist der natürliche Tod.
Smeeth beschreibt das später selber viel besser, als man es von außen könnte. Er hatte eine Kindheit und eine Jugend, aber er wird niemals ein Alter haben. Sein Leben sei kein Zyklus wie anderes Leben, sondern eine Asymptote, eine endlose Linie, die nur durch Gewalt beendet werden kann.
Seitdem denk ich weniger über „Unsterblichkeit“ nach als über Endlichkeit.
Ein normales menschliches Leben hat einen Anfang und ein Ende. Bei Smeeth ist der Anfang völlig normal vorhanden, nur das Ende kommt nicht mehr von selbst. Sein Vater hätte dann nicht den Tod als solchen abgeschafft. Er hätte dem Leben seine natürliche Begrenzung genommen.
Und da komm ich zur Kosmologie.
Ein zyklisches Universum würde ebenfalls entstehen, sich ausdehnen und irgendwann wieder zusammenfallen. Danach könnte ein neuer Zyklus beginnen. Expansion und Kontraktion, Entstehen und Vergehen. Das einzelne Universum wäre endlich, der Vorgang könnte sich immer wiederholen.
Unser reales Universum scheint sich anders zu verhalten. Seine Expansion beschleunigt sich, vermutlich durch das, was wir vorläufig dunkle Energie nennen. Bleibt diese Entwicklung dauerhaft so, gibt es keinen späteren Big Crunch: Das Universum hat einen Anfang, dehnt sich aber immer weiter aus. Was dunkle Energie genau ist, wissen wir bis heute nicht; eine mögliche Beschreibung ist eine positive Vakuumenergie bzw. kosmologische Konstante.
Und genau an der Stelle ist mir Smeeths „Asymptote“ nicht mehr aus dem Kopf gegangen.
Sein Leben und so ein Universum hätten dieselbe Form.
Beide entstehen. Beide entwickeln sich. Aber aus ihrem eigenen Verlauf heraus kommt kein Ende mehr.
Ich meine damit nicht, dass Smeeths Vater in unserer realen Kosmologie irgendwann vor ein paar zehntausend Jahren die dunkle Energie eingeschaltet hat. Das geht zeitlich schon nicht auf. Eher anders herum: Was, wenn Eschbach mit dem „Gleichgewicht der Existenz“ an eine noch tiefere Regel denkt, die überhaupt dafür sorgt, dass Entstehen und Vergehen zusammengehören? Der Vater findet einen Weg, diese Regel an einer Stelle zu brechen. Die beschleunigte, nicht mehr umkehrende Expansion wäre dann ein gutes Bild dafür, was so ein Bruch kosmologisch bedeutet.
Das passt auch zu Smeeths Antwort auf die Frage, wie fundamental die Tat gewesen sei. Als Vergleich werden eine Änderung der Gravitationskonstante oder der Kräfte genannt, die Materie zusammenhalten. Sein Vater habe etwas getan, das noch tiefer ging. Also nicht nur eine andere Zahl in den Naturgesetzen, sondern möglicherweise etwas an der Ordnung, innerhalb derer diese Gesetze überhaupt wirken.
Dann stellt sich natürlich die Frage, wie ein ganz normaler Mensch sowas schaffen soll.
Ich glaube nicht, dass er das Universum irgendwie mit eigener Kraft umgebaut haben müsste. Wenn ein System in einem metastabilen Zustand steckt, kann ein kleiner Eingriff reichen, um einen Phasenübergang auszulösen. Derjenige, der den Vorgang startet, liefert nicht die Energie für alles, was danach passiert. Er muss nur wissen, wo der empfindliche Punkt liegt.
Zu Smeeths Geschichte würde das sogar ganz gut passen: Das Wissen allein ist gefährlich. Es darf „nirgends und niemals“ wieder getan werden. Der Vater scheint also keinen einmaligen Zauber beherrscht zu haben, sondern etwas entdeckt zu haben, das grundsätzlich auch ein anderer wiederholen könnte.
Und damit lande ich wieder bei den sechs Frauen.
Ich glaube inzwischen nicht mehr, dass der Vater zuerst zwölf normale Kinder hatte und sie später irgendwie unsterblich gemacht hat. Smeeth spricht einmal vom „Erbe meines Vaters und meiner Geburt“. Auch die Legende setzt die Tat, das Geheimnis der Unsterblichkeit und die sechs Zwillingsgeburten unmittelbar hintereinander.
Vielleicht waren die Kinder nicht die Folge eines kosmischen Experiments. Vielleicht waren sie der Grund dafür.
Der Vater wollte Menschen hervorbringen, deren Lebenslinie keinen natürlichen Endpunkt mehr hat. Nur lässt die bestehende Ordnung so etwas gar nicht zu. Wenn Endlichkeit keine bloß biologische Eigenschaft ist, sondern etwas Grundsätzliches, dann kann man sie nicht einfach aus einem Gen herausschneiden. Man muss die Bedingung verändern, unter der diese Menschen überhaupt entstehen.
Damit würde auch verständlicher, warum die Geburt wichtig ist. Die Zwölf wurden nicht nachträglich verändert. Sie wurden bereits als Ausnahmen von der bisherigen Ordnung geboren.
Warum dazu sechs verschiedene Frauen, sechs Zwillingsgeburten und jedes Mal genau ein Mann und eine Frau nötig sind, weiß ich nicht. Aber gerade diese Genauigkeit macht mich misstrauisch. Es sind keine zwölf zufälligen Kinder, sondern sechs vollständige Gegenpaare.
Und hier kommt meine ursprüngliche Idee vom verlorenen Gleichgewicht wieder rein.
Die Zwölf selbst sind fast übertrieben ausgeglichen gebaut:
sechs männlich, sechs weiblich, immer paarweise geboren.
Vielleicht konnte der Vater zwölf Ausnahmen von der Endlichkeit nur erschaffen, indem er sie innerhalb seines Experiments vollkommen ausbalancierte. Die Rechnung geht bei den Kindern auf, aber dafür kippt etwas außerhalb von ihnen. Das Gleichgewicht, von dem Smeeth spricht, fehlt anschließend in der Existenz selbst.
Ob Eschbach dabei tatsächlich bestimmte alte Vorstellungen im Kopf hatte, weiß ich natürlich nicht. Aber ein paar Parallelen sind schon seltsam genug, dass ich sie nicht ganz ignorieren kann.
Im Sefer Jetzirah wird der Raum über sechs Richtungen geordnet: oben und unten, Osten und Westen, Norden und Süden. Daneben gibt es zwölf „diagonale Grenzen“ der Welt, die sich immer weiter bis in die Ewigkeit erstrecken. In einer Fassung werden die entsprechenden Zwölferordnungen außerdem ausdrücklich „männlich und weiblich“ beschrieben. Ich will daraus keinen versteckten Kabbala-Schlüssel für Quest basteln, aber sechs, daraus zwölf, Grenzen der Welt und männlich/weiblich ist zumindest eine ziemlich interessante Nachbarschaft zu Smeeths Familienkonstruktion.
Bei Yama und Yami wirds auf eine andere Art interessant. Die beiden sind in der vedischen Mythologie Bruder und Schwester, ein Zwillingspaar. Yama ist mit dem ersten menschlichen Tod verbunden und wird später zum Herrscher über das Totenreich. Da steckt also ausgerechnet in einem männlich-weiblichen Zwillingspaar die Frage, wie Tod überhaupt Teil der menschlichen Ordnung wird.
Und dann Castor und Pollux. Castor ist sterblich, Pollux unsterblich. Als Castor stirbt, will Pollux nicht ohne ihn weiterleben und teilt schließlich seine Unsterblichkeit mit seinem Bruder. Je nach Überlieferung wechseln die beiden zwischen den Bereichen der Lebenden, der Toten bzw. der Götter. Das ist keine Vorlage für Quest, aber der Gedanke, dass Sterblichkeit und Unsterblichkeit bei Zwillingen kein rein individuelles Merkmal sein müssen, sondern zwischen einem Paar geteilt werden können, passt schon ziemlich gut zu der Frage, warum Eschbach aus seinen zwölf Unsterblichen sechs Zwillingspaare macht.
Noch merkwürdiger wird es durch den Sternenkaiser.
Smeeth sagt ausdrücklich, dass er selbst nicht genau weiß, weshalb der Kaiser sie jagt. Es heiße aber, er habe einen Weg gefunden, ihnen ihre Unsterblichkeit zu „rauben“. Erst wenn er alle zwölf gefunden und getötet hat, werde er selbst unsterblich.
Warum alle zwölf?
Wenn zwölf Geschwister einfach unabhängig voneinander dieselbe Mutation hätten, müsste Smeeth reichen. Offenbar tut er das nicht.
Wenn die Zwölf dagegen zusammen die vollständige Konstruktion darstellen, die ihr Vater damals geschaffen hat, würde „alle zwölf“ zumindest Sinn ergeben. Der Sternenkaiser bräuchte dann nicht zwölf Portionen Unsterblichkeit, sondern den ganzen ursprünglichen Satz, um den Zustand auf sich selbst zu übertragen.
Nur steckt da gleich das nächste Problem drin: Smeeth weiß nicht einmal, ob Laasve noch lebt.
Falls sie längst gewaltsam gestorben ist, könnte der Plan des Sternenkaisers bereits seit Jahrtausenden unmöglich sein. Oder aber das, was bei der Tat des Vaters entstanden ist, geht mit dem Tod eines der Zwölf nicht verloren. Letzteres wäre zumindest mit Smeeths anderer Aussage vereinbar, dass selbst der Tod aller zwölf die ursprüngliche Veränderung der Existenz nicht mehr rückgängig machen könnte.
Und Laasve hat mich noch aus einem anderen, wahrscheinlich völlig überdrehten Grund beschäftigt.
Der Name kommt im Roman nur einmal vor. Im Litauischen bedeutet laisvė „Freiheit“, und Laasve liegt zumindest klanglich ziemlich nah daran. Gleichzeitig lässt sich LAASVE exakt zu A SLAVE umstellen.
Das kann natürlich purer Zufall sein.
Falls nicht, wäre der Name für eine der Zwölf ziemlich böse gewählt: frei vom natürlichen Tod und gerade dadurch an ein endloses Leben gebunden.
Ganz ausschließen würde ich Wortspielereien bei Eschbach zumindest nicht. Im selben Roman erklärt Smeeth ja ausdrücklich, dass der legendäre Name „Asiranis“ aus den Anfängen von Asido, Ratweke und Nisidi zusammengesetzt wurde.
Am Ende lande ich deshalb ungefähr hier:
Smeeths Vater wollte zwölf Menschen hervorbringen, die nicht mehr der natürlichen Endlichkeit unterliegen. Dafür musste er etwas an der Ordnung verändern, die Anfang und Ende überhaupt miteinander verknüpft. Die zwölf Kinder wurden als sechs männlich-weibliche Paare unter dieser veränderten Bedingung geboren. Bei ihnen zeigt sich der Bruch als unendliche Lebenslinie; kosmologisch wäre das Gegenstück eine Existenz, die ebenfalls nicht mehr in ihren ursprünglichen Zyklus zurückfindet.
Und vielleicht erklärt das auch die Sache mit der Erlösung.
Die Legende sagt, dass die Zwölf keine Erlösung finden können, die Sehnsucht danach aber behalten. Smeeth selbst fürchtet später sogar den Gedanken, tatsächlich bei Gott anzukommen: Wenn alle Fragen beantwortet und alle Sehnsucht gestillt wäre, bliebe ihm danach trotzdem noch ein unendliches Leben.
Vielleicht hat sein Vater seinen Kindern also gar nicht das „ewige Leben“ gegeben, jedenfalls nicht im religiösen Sinn.
Er hat ihnen endloses Leben gegeben.
Und ihnen dafür die Endlichkeit genommen, die normalerweise überhaupt erst ermöglicht, irgendwann anzukommen.
Keine Ahnung, ob ich damit irgendwo in der Nähe von Eschbachs eigener Idee bin oder ob ich inzwischen einfach ein zweites Buch über Quest erfunden habe. Aber mich lässt die Kombination aus „Gleichgewicht der Existenz“, Smeeths Asymptote, den sechs Zwillingspaaren und der Tatsache, dass der Sternenkaiser ausgerechnet alle zwölf braucht, nicht mehr los.
Ich hab gesehen, dass es ein Gespräch zwischen Andreas Eschbach und Thomas Thiemeyer mit dem Titel Die letzten Geheimnisse um Quest gegeben hat. Hat das zufällig jemand gelesen? Wird dort etwas über Smeeths Vater oder die Zwölf gesagt?
Und vor allem: Hat irgendwer eine bessere Idee, warum es sechs Frauen sein müssen, die jeweils genau einen Jungen und ein Mädchen zur Welt bringen?